NEWO ZIRO - NEUE ZEIT 


Am 9. Februar 2012 fand im Kino Apollo, Koblenz, um 19:30 Uhr die Vor-Premiere des Kino-Dokumentarfilms NEWO ZIRO (Neue Zeit) statt, den wir in Koblenz und auf den Shetland-Islands u. a. mit Bawo Reinhardt, Lulo Reinhardt, Sascha Reinhardt und Sibel Mercan gedreht haben.




Jedes Jahr im Sommer erwacht ein unbenutzter Fußballplatz am Stadtrand von Koblenz aus dem Dornröschenschlaf: Camping-Wagen treffen gruppenweise ein, ein Festzelt wird errrichtet, Bierstände und Würstchenbuden werden aufgestellt. Für drei Tage sind Sinti-Musiker aus Deutschland, Frankreich und der ganzen Welt zusammen gekommen, um auf dem Musik-Festival "Djangos Erben" den legendären Sinti-Swing zu spielen, den Django Reinhardt in den 30er Jahren des vorigen Jahrhundert weltberühmt gemacht hat. Treibende Kraft hinter dem Musik-Fest ist die Familie Reinhardt, dessen Vorfahren seit Generationen in Koblenz verwurzelt sind. Daweli Reinhardt (75), Botschafter der Sinti von Koblenz und Oberhaupt der weitverzweigten Familie, spielte als Sologitarrist im "Schnuckenack Reinhardt Quintett" und machte Ende der 60er Jahre den Sinti-Jazz auch in Deutschland populär. Musik ist ihr Leben, fast alle Reinhardts sind hochmusikalisch, aber nur wenige können damit ihr Geld verdienen.

Während des Festivals treffen wir mit Familienmitgliedern aus drei Generationen zusammen. Die mitreißende Musik bildet den roten Faden und wiederkehrenden Bezuspunkt des Films, von dem aus sich Geschichten und Themen der Protagonisten entfalten. Ihre Lebensentwürfe spiegeln die Vielfalt und Widersprüche einer nationalen Minderheit wider, die bis heute von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert wird. Die meisten Sinti möchten ihre kulturellen und sozialen Traditionen nicht missen. Sie geben ihnen die Sicherheit im Alltag und bewahren sie vor Demütigungen. Gleichzeitig können sie sich dem gesellschaftlichen Wandel nicht dauerhaft verschließen. Schon längst sind Phänomene wie Internet oder Hip-Hop ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags von Sinti-Jugendlichen. Die Sprache Romanes als erkennbarster Ausdruck der eigenen Identität innerhalb der anderen Realität, Deutscher zu sein, verliert immer mehr an Bedeutung. Wie gehen unsere Protagonisten mit der Herausforderung um, einerseits mit Fleisch und Blut Sinti zu sein, gleichzeitig aber auch wie jeder andere Deutsche zu leben und anerkannt werden zu wollen?

Sascha Reinhardt (55) hätte gern studiert, aber in seiner Generation hatten Sinti-Kinder keine Chance auf eine gute Schulausbildung. Noch seine Söhne haben unter dem Stempel, "Zigeuner" zu sein, in der Schule gelitten. Sascha ist der Initiator und Motor des Festivals, seine Söhne helfen ihm dabei. Mit dem Festival verbindet er das hochgesteckte Ziel,Vorurteile gegenüber den Sinti abzubauen und die Deutschen für ihre Kultur zu interessieren. Wenn das Festival vorbei ist, geht er den Geschäften nach, die die Mehrheitsgesellschaft von ihren 'Nischenbewohnern' kennt: Schrott fahren, Würstchenbuden betreiben, Weihnachtsbäume verkaufen. Bawo Reinhardt (66), der auch schon Gastwirt war und als Bassist in verschiedenen Sinti-Ensembles mitspielt, organisiert mit seiner Tochter Tschai (34) Romanes-Unterricht für Sinti an einer deutschen Grundschule im Stadtteil Koblenz-Asterstein - damit die Sprache nicht verloren geht. Bawo unterrichtet selbst mit pädagogischem Geschick, obwohl auch er früher nur selten eine Schule von innen gesehen hat.
Hatscha Reinhardt (52) betreibt mit seinen Söhnen eine Tischlerei für die Restauration und den Nachbau von antiken Möbeln. Mit seinen Arbeitsmethoden setzt er eine kunsthandwerkliche Tradition der Sinti fort, die bis in das Mittelalter zurückreicht: Möbel- und Instrumentenbau. Eine reguläre Ausbildung hat er nie erfahren. Alles was er kann, hat er von seinem Vater Nonno Reinhardt (73) gelernt. Jetzt gibt er sein Wissen an die Söhne weiter.
Lulo Reinhardts (47) Spiel auf der Solo-Gitarre ist von Musikstilen aus der ganzen Welt inspiriert. Er ist einer der begabtesten und erfolgreichsten Musiker aus der Familie und verbindet Elemente des Jazz, des Flamenco, der Latin-Music und des Sinti-Swing zu einer einzigartigen Mischung. Er spielt oft mit Nicht-Sinti-Musikern zusammen. Gleich-wohl versteht er sich als Botschafter der Sinti-Kultur. Gemeinsam mit seiner Nichte Sibel (13), die als eine der wenigen des Clans das Gymnasium besucht, führt er Lesungen zum Thema Rassismus durch. Die Generation der Großeltern steht für die Erinnerung an die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma während der Nazi-Zeit. Kaum erinnert wird die fortgesetzte Diskriminierung der deutschen Sinti von staatlicher Seite in der Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre - obwohl die daraus entstandenen Vorurteile der deutschen Mehrheitsgesellschaft bis heute in den Knochen stecken.

Allen Protagonisten ist ihre tiefe Verwurzelung in der Sinti-Kultur gemeinsam. Welche Zukunft hat eine nationale Minderheit, die auf ihrer Eigenständigkeit besteht, deren Kultur aber immer mehr in der Mehrheitsgesellschaft zu verschwinden droht?

Quelle: Neue Cameo Film, www.neuecameofilm.de

Website: NEWO ZIRO

 

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